Die Ära der Weimarer Republik gilt als „goldenes Zeitalter“ des deutschen Kinos. Doch das umfassende und beeindruckende Werk weiblicher Regisseurinnen, das in dieser Periode entstand, blieb über Jahrzehnte hinweg fast völlig unbeleuchtet. Historiker*innen, Wissenschaftler*innen, Archive, Museen und spezialisierte Filmfestivals, wie die Stummfilmtage, beschäftigen sich vermehrt damit, das weibliche Filmschaffen zu erforschen, zu restaurieren und sichtbar zu machen. Mit der Veröffentlichung des Buches Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933) wurden diese Bemühungen um ein wichtiges Werk ergänzt. Anlässlich dieser Publikation präsentieren wir vier Filme der Regisseurinnen Hanna Henning, Lotte Reiniger, Stella F. Simon und Ella Bergmann-Michel, die das DFF seit 2018 digitalisiert und restauriert hat. Zusammen mit Mitherausgeberin Daria Berten und Filmrestauratorin Anke Mebold führt Stummfilmtage-Kuratorin Eva Hielscher durch das Programm und stellt die Frauen hinter der Kamera vor. Dabei wird deutlich, wie umfangreich und vielfältig das Werk dieser (und anderer) Filmpionierinnen war.
SPITZENCHRISTEL
Deutschland | Germany 1917
Regie | Directed by: Hanna Henning
Drehbuch | Written by: Margarete Lindau-Schulz, Hanna Henning
Darsteller*innen | Cast: Ellen Mario, Neumann-Schüler, Rolf Lindau-Schulz, Frau Pütz, Frau Solton
Produktion | Produced by: Bubi-Film Henning & Co. GmbH
Länge | Running time: 23 min.
Farbe | Colour: schwarzweiß | black & white
Zwischentitel | Intertitles: deutsch mit englischen Untertiteln | German with English subtitles
DORNRÖSCHEN
SLEEPING BEAUTY
Deutschland 1922
Regie | Directed by: Lotte Reiniger
Drehbuch | Written by: Lotte Reiniger
nach dem Märchen der Gebrüder Grimm | based on the fairytale by Jakob & Wilhelm Grimm
Kamera | Photographed by: Carl Koch
Produktion | Produced by: Sochatschewer
Premiere: 23.12.1922 (Berlin)
Länge | Running time: 11 min.
Farbe | Colour: schwarzweiß | black & white
Zwischentitel | Intertitles: deutsch mit englischen Untertiteln | German with English subtitles
HÄNDE
HANDS
Regie | Directed by: Miklós M. Bándy & Stella F. Simon
nach einer Idee von | based on an idea by: Stella F. Simon
Kamera | Photographed by: Leopold Kutzleb, Hans Richter
Produktion | Produced by: Fama-Film Dr. Victor Schamoni / Stella F. Simon
Premiere: 16.2.1929 (Berlin)
Länge | Running time: 15 min.
Farbe | Colour: schwarzweiß | black & white
Zwischentitel | Intertitles: deutsch mit englischen Untertiteln | German with English subtitles
WAHLKAMPF 1932 (LETZTE WAHL)
ELECTION CAMPAIGN 1932 (LAST ELECTION)
Deutschland | Germany 1932
Konzept und Regie | Conceived and Directed by: Ella Bergmann-Michel
Kamera | Photographed by: Ella Bergmann-Michel
Produktion | Produced by: Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann
Länge | Running time: 13 min.
Farbe | Colour: schwarzweiß | black & white
Zwischentitel | Intertitles: keine | none
Der Band „Weimar, weiblich“ beleuchtet ein weitgehend unbekanntes Kapitel der deutschen Filmgeschichte: das weibliche Filmschaffen hinter der Kamera zu Zeiten der Weimarer Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzen viele Frauen die neuen Berufsmöglichkeiten in der Filmindustrie. Sie treten unter anderem als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen oder Produzentinnen auf, müssen in den Credits aber meist auf die Nennung ihres Vornamens verzichten. Mit Pioniergeist und Experimentierfreude erkunden sie das neue Medium. Doch die Zeit des Aufbruchs währt nicht lange. Mit der NS-Zeit enden die Karrieren fast aller Frauen im Filmbetrieb. Zeugnisse ihres Wirkens sind heute aus verschiedenen Gründen nur schwer zu identifizieren. Namenswechsel aufgrund von Heirat oder Scheidung sowie die Verwendung von Pseudonymen erschweren generell die Zuordnung. Berufsverbote, Flucht- und Verfolgungsgeschichten während des Nationalsozialismus führten oft zum Abbruch der Karrieren, Zeugnisse gingen verloren. Umso bedeutender sind die Recherchen, die Dokumente identifizieren, Pseudonyme entschlüsseln und Lebensläufe und Werkzusammenhänge wieder (oder erstmals) zugänglich machen. Dafür haben sich die drei Institutionen Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum zusammengetan.
Daria Berten, Annika Haupts, Anna Heizmann, Kristina Jaspers in der Einleitung des von ihnen herausgegebenen Bandes Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918–1933), erschienen in der edition text + kritik, München 2026
Dieses Buch gliedert sich in drei Teile, beginnend mit einem biografischen Abschnitt in lexikalischer Form über Essays, die eine Vielzahl von Themen rund um das weibliche Filmschaffen der Weimarer Republik ausloten, bis hin zu Dokumenten, Interviewauszügen und Selbstzeugnissen als Rohmaterial der Filmgeschichtsschreibung. Der erste Teil nimmt die beruflichen Werdegänge von Filmpionierinnen der Weimarer Republik und damit Einzelschicksale in den Blick. Die abwechslungsreichen Texte machen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten sichtbar. Der zweite Teil des Bandes versammelt zahlreiche eigens für diese Publikation erstellte Beiträge, die die zuvor präsentierten Forschungsdaten perspektivieren und sie in größere thematische Zusammenhänge stellen. Im dritten Teil des vorliegenden Bandes präsentieren wir ausgewählte filmbegleitende Materialien, die für eine Rekonstruktion dieser Filmgeschichte(n) unerlässlich sind: von Set-Fotografien über Auszüge aus Drehbüchern und Produktionsunterlagen bis hin zu autobiografischen Schriften und journalistischen und filmtheoretischen Texten von weiblichen Filmschaffenden der Weimarer Zeit und Dokumenten aus Entschädigungsakten der Nachkriegszeit. Zwei Auszüge aus Interviews runden den Band ab und geben den Protagonistinnen selber das Wort.
Daria Berten, Annika Haupts, Anna Heizmann, Kristina Jaspers in der Einleitung des von ihnen herausgegebenen Bandes Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918–1933), erschienen in der edition text + kritik, München 2026