Erster Weltkrieg: Ein deutscher Soldat liegt verwundet an der Front. Um der Gefangenschaft oder dem Tod zu entgehen, nimmt er die Identität eines gefallenen französischen Offiziers an. Da er wie ein Muttersprachler Französisch spricht, merkt niemand die Täuschung. Dennoch führt er sein neues Leben in Paris in ständiger Angst, als „Feind“ entlarvt zu werden. DR. BESSELS VERWANDLUNG ist ein berührendes Drama mit starker humanitärer Botschaft. Der Film wird in einer neuen Restaurierung des DFF und des Filmarchivs Austria gezeigt, die auf dem Originalnegativ basiert und durch ihre brillante Bildqualität besticht.
Der Film bringt als stärkstes Aktivum einen Stoff mit, der von sich aus zwingend wirkt: Innere Umwandlung eines Menschen, Menschwerdung eines Zeitgenossen, der durch das Grauen des Krieges, durch ein absonderliches Erlebnis wächst, reift. […] Auf das Doppelgänger-Motiv kommt es an. Wie ein Mensch in einen anderen hineinkriecht, bis er dieser andere wird. Wie er, ein Deutscher, einer französischen Mutter den von Deutschen totgeschlagenen Sohn ersetzt: das ist ergreifend und gleichgültig die Frage, ob er nach Deutschland zurückkehrt, seine Frau wiedernimmt oder nicht. Grippe-Epidemie in Frankreich, Brotknappheit, Massenelend. Großmäulige Durchhaltepredigt von Leuten, die nichts zu verlieren haben, am wenigsten das eigene Leben, das kennen wir. Gemeinsames Kriegserlebnis, gemeinsames Leid. Leid aller Mütter, aller Schwestern und Frauen, während die Söhne geopfert wurden admaiorem patriae gloriam. Überall das gleiche, wie bei uns, empfindet der Zuschauer. Dieses Einigende ist wichtig.
Hans Feld, Film-Kurier, Nr. 291, 9.12.1927
Dieser verfilmte Roman von Ludwig Wolff hat den Vorzug, daß er nicht nur erzählt wird wie die meisten nach Romanen gedrehten Filme, sondern daß er tatsächlich gespielt und gesehen ist. Die Regie, Richard Oswald, hat hier eine bemerkenswert klare und sachlich konzentrierte Arbeit geleistet. Die Szenen sind blankgeputzt von jeder Unruhe, und die Bestimmtheit ihrer Bildkomposition ist der eigentlichste Ausdrucksmoment der Handlung, was im besten Sinne filmisch ist. Ein wesentlicher Faktor solch bildhaft dirigierter Szene ist die Photographie, die Axel Graatkjær mit einer strengen und doch nachfühlend durchtasteten Optik leitet. Daß der Film im ganzen mehr einer gutgeführten sensationellen Unterhaltung zuzurechnen ist und nicht eigentliche dramatische Akzente vermittelt, liegt an der Künstlichkeit seiner Handlung.
E. G.-M. [= Erika Guetermann], Hamburger Echo, 7.1.1928