Dieses monumentale Meisterwerk des frühen italienischen Kinos präsentiert die Hölle als visuelles Spektakel. Die Regisseure adaptierten für den Film, der als erster abendfüllender Spielfilm Italiens gilt, den ersten Teil aus der „Göttlichen Komödie“, Dante Alighieris berühmtem Gedicht. Die Produktion dauerte drei Jahre und verschlang ein für die damalige Zeit gigantisches Budget. Mit revolutionären Spezialeffekten, aufwändigem Szenenbild und beeindruckenden Kostümen setzte das bahnbrechende Großprojekt von Milano Films neue Maßstäbe für das fantastische Kino und den frühen Horrorfilm.
Beschlagnahmt wurde durch eine Verfügung des hiesigen Bezirksamts im Residenz-Kinematographen der vorgeführte Film DANTE ALIGHIERIS GÖTTLICHE KOMÖDIE. Die Verfügung wurde damit begründet, daß die Vorführung Vorgänge zur Darstellung bringt, die auf die Zuschauer verrohend und entsittlichend wirken könnten.
Badische Presse, Karlsruhe, 14.3.1911
Der [Badische] Gerichtshof ist der Ansicht, daß hinsichtlich aller Bilder des Films ein hinreichender gesetzlicher Grund zur Verbietung ihrer Vorführung nicht vorliegt. Die „Vorgänge“, welche der Film darstellt, und die das Bezirksamt beanstandet, sind einer der bedeutendsten Dichtungen aller Zeiten, Dantes Göttlicher Komödie, und zwar dem ersten Teil der Dichtung, der Hölle, entnommen. Sie stellen in ihrer überwiegenden Mehrzahl die Qualen dar, denen die „nackten Seelen“ der Sünder in der Hölle, „am Orte der gequälten Brut“, „Wo ewiges Dunkel, Glut und Frostes Qual“, ausgesetzt sind. Es liegt in der Natur der Sache, daß die mit einer ungeheuren Phantasie geschauten, mit kühnem Realismus ausgemalten Schilderungen der unaufhörlichen Reihe unsagbarer Qualen mit ihren furchtbaren Einzelheiten, welche den Hauptgegenstand des Inferno ausmachen, Entsetzen und Grauen hervorrufen müssen. Diese Bemerkung trifft in gleicher Weise auf die Dichtung wie auf die der Dichtung entlehnten Wandelbilder des Films zu. Eine verrohende oder entsittlichende Wirkung läßt aber weder das Eine noch das Andere aufkommen.
Lichtbild-Bühne, Nr. 23, 10.6.1911
Als ein hervorragendes Meisterwerk der Kinematographie bewundern wir an erster Stelle „Das Fegefeuer“ aus DANTE ALIGHIERIS GÖTTLICHE KOMÖDIE. Die Dichtung wirkt mit elementarer Gewalt, und man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, das Riesenhafte des Gedichtes oder die Phantasie des Dichters, der uns hinab in die Hölle durch das Fegefeuer nach dem Paradies führt.
Karlsruher Tagblatt, 16.7.1911
DANTE last night was most bloodthirsty & exciting. 11 murders close to with details, a man’s hands chopped off very close to & full of detail, & [a] man dying of starvation & eating another man very very close to & the death of Dante with great detail helped to add a mild excitement to a film full of battles (on land & sea), molten lead, a burning city & other little everyday matters! It lasted with two intervals from 9 to 12.15! I never saw anything like it before, it was enough to make you dream for nights. There was a seedy contingent with permanently waved hair wandering about in the desert, called the prophets of Peace, they stumbled on dead bodies at every step; a most realistic scene from hell, the devils reminded one of those drawn by Bobo [= her sister Unity]. Every time a person was murdered you saw him being taken down there with dire results.
People died off so fast that only one character was left alive by 12.15 & it is a huge cast. That shows you! The one who did survive had just killed his wife, so one imagines he then goes mad.
Nancy Mitford, aged 17, in a letter to her mother, Lady Redesdale, Florence, 18 April 1922
For the new film medium the cinematographer Emilio Roncarlo produced a virtuoso adaptation of the poem’s traditional iconography as typified by Gustave Doré’s illustrations. The film includes a series of special effects, with double and even triple exposures, inspired by Georges Méliès’ workshop. […] Other special effects are based on theatrical illusionist techniques, such as the use of a black background and black clothes to simulate invisibility and ropes to support or transport characters at different heights. […] In addition to these more evident technical aspects, an artificial background was used for many of the scenes set in lower Hell. The setting, too, often recalls Méliès’ supernatural landscapes for the unreal bridges, the sudden emerging clouds of smoke or for the more successful representation of the lake of ice in Cocytus. The use of special effects is well suited to Dante’s lower Hell, since Dante intends to challenge the supernatural inventions in Ovid’s “Metamorphosis” or Virgil’s “Aeneid”.
Antonella Braida, “Dante’s Inferno in the 1900s: From Drama to Film”, in: Braida, Luisa Calè (eds.), Dante on View: The Reception of Dante in the Visual and Performing Arts. Aldershot, 2007