Ellen Richter war einer der größten Stars des Weimarer Kinos. Die österreichisch-jüdische Schauspielerin stand in rund 70 Filmen vor der Kamera, etwa die Hälfte davon produzierte sie selbst zusammen mit ihrem Ehemann und Mitstreiter Willi Wolff. Sie verkörperte starke Frauentypen in einer großen Bandbreite an Genres: Melodramen, Historienfilme, Abenteuerfilme, Krimis und Komödien. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschwand sie von der Leinwand und folglich aus dem öffentlichen Gedächtnis. Von ihren Filmen ist nur ein Bruchteil überliefert. 2018 begaben sich die Filmhistoriker Oliver Hanley und Philipp Stiasny auf Spurensuche nach dem vergessenen Filmstar. Parallel haben Archive mehrere Ellen-Richter-Filme restauriert.
Stummfilmtage-Kurator Oliver Hanley berichtet von der aufwändigen Recherche, deren Ergebnis nun als Buch Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos vorliegt. Anschließend ist Ellen Richter in DER ABERGLAUBE zu sehen, der bis 2020 als verschollen galt. Sie spielt in diesem packenden Melodrama eine Zirkusartistin, die ohne eigenes Verschulden selbstzerstörerische Leidenschaften bei Männern weckt und deshalb ständig verachtet wird.
Das Stück ist wohl als eine Art Aufklärungsfilm gedacht: An krassen Vorfällen sollte gezeigt werden, daß der Aberglaube selbst bis zum Verbrechen führen und eine ganze Volksmenge zum Wahnsinn treiben kann. […] Ist das Stück als solches verfehlt, so sind doch die einzelnen Szenen packend und trotz der etwas zu grausamen Ereignisse – Tötung eines Priesters auf der Kanzel durch den Blitz, Schiffsuntergang, Steinigung – spannend und ergreifend. Die temperamentvolle, glutäugige Ellen Richter spielte die weibliche Hauptrolle äußerst wirkungsvoll und vermag mit ihrer prachtvollen Erscheinung und ihrem herrlichen Profil die Liebesraserei der ihr nahenden Männer glaubhaft zu machen.
Film-Kurier, 12.10.1919
Aus der Masse der Unterhaltungsfilme sticht DER ABERGLAUBE nicht allein wegen der grimmigen Darstellung eines pogromartigen Gewaltausbruchs her vor, dem die Heldin zum Opfer fällt. Der Film eröffnet zusätzlich eine damals ganz ungewöhnliche erweiterte Perspektive. Die überlieferte niederländische Fassung identifiziert nämlich die Figur der zur Außenseiterin gestempelten Heldin als eine Roma und somit als Angehörige einer Volksgruppe, die auf ähnliche Weise wie die Juden seit Jahrhunderten mit politischen, kulturellen und rassistischen Vorurteilen konfrontiert und immer wieder Gewalttaten ausgesetzt ist. […] Doch Militza wird nicht nur als Opfer gezeigt. Wenn sie gleich zu Beginn den aufdringlichen Clown in die Schranken weist, in der Zirkusmanege und später auf dem Dorffest tanzt und sich bewundern lässt, wenn sie im Bahnabteil mit den Schauspielern feiert, zeigt sie immer auch eine große Willensstärke und eine ansteckende Ausgelassenheit und Lebensfreude.
Philipp Stiasny, Oliver Hanley: Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos. Wien 2026
What makes ABERGLAUBE so intriguing in the context of Ellen Richter’s œuvre is its social dimension. In the role of the “gypsy”, Richter appears as a woman who is marked as “different” (mainly by wearing large earrings), and by this virtue alone seems to drive all the men around her wild. Through no fault of her own, Militza becomes a scapegoat for all manner of problems and mishaps.
One can draw parallels between the hatred, expulsion, and extermination of the “gypsy” depicted in the film with the enormous rise of anti-Semitic aggression against the Jewish community in Germany in the immediate aftermath of World War I. Indeed, the violent mob that swarms in the village street leading to the film’s climactic ending is staging its own pogrom of sorts, with lethal consequences. Perhaps, then, it is no coincidence that at the time ABERGLAUBE was produced, a number of Jewish filmmakers – among them Ellen Richter and Willi Wolff, who contributed to the script – used fiction films to raise awareness of the historical and contemporary plight of Eastern European Jews who had been persecuted and massacred in pogroms. ABERGLAUBE may lack the artistic refinement of Carl Theodor Dreyer’s DIE GEZEICHNETEN (1922), a love story set against the backdrop of the pogroms in Czarist Russia. Nevertheless, the similarities between the two films are striking.
Philipp Stiasny, Le Giornate del cinema muto, Pordenone, 2021